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Wenn Loslassen Liebe bedeutet

Der assistierte und angekündigte Suizid von Niki Glattauer hat mich tief getroffen. Er hat mich dazu gebracht, über etwas nachzudenken, das viele lieber verdrängen: Wie wollen wir einmal sterben – und wie dürfen wir sterben? Seine Offenheit, seinen letzten Weg nicht im Verborgenen zu gehen, sondern öffentlich zu machen, hat in mir etwas bewegt.

 

 

Ich habe selbst schon Menschen begleitet, die ihre letzten Wochen und Monate in Krankenhausbetten verbracht haben. Menschen, die kaum mehr etwas von sich selbst waren, die nur noch dahinvegetierten – zwischen Infusionen, Geräten und schmerzverzerrten Gesichtern. Das anzusehen, war schwer, und es hat mir eines gezeigt: Leben um jeden Preis ist nicht dasselbe wie würdevoll leben.

 

 

Und dann frage ich mich: Warum halten uns so viele davon ab, unser Leben selbstbestimmt zu beenden? Ist es nicht in erster Linie der Glaube an etwas Höheres, der uns verbietet, über unser eigenes Sterben zu bestimmen? Aber vielleicht ist dieser Glaube weniger Trost als vielmehr ein Instrument, das Kontrolle ausübt.

 

 

Auch Ärztinnen und Ärzte stellen sich oft gegen den assistierten Suizid. Sie, die das Leid am nächsten miterleben, klammern sich an das Prinzip, Leben um jeden Preis zu verlängern. Doch was, wenn dieses Festhalten nicht mehr Fürsorge ist, sondern Verweigerung, das Sterben als Teil des Lebens zu akzeptieren?

 

 

Die Behindertenverbände warnen vor Druck und davor, dass ihr Leben weniger wert erscheinen könnte. Diese Angst kann ich verstehen. Aber sollten wir nicht zugleich anerkennen, dass auch der Wunsch nach einem selbstgewählten Ende ernst genommen werden muss – unabhängig von körperlichen Einschränkungen?

 

 

Und dann sind da die Angehörigen. Oft wollen sie nicht loslassen – und ich verstehe das, weil Liebe auch bedeutet, den anderen nicht gehen lassen zu wollen. Aber ist es nicht auch ein Stück Egoismus, den geliebten Menschen um jeden Preis festzuhalten? Wäre es nicht der größte Akt der Liebe, ihn friedlich gehen zu lassen, wenn er es so entschieden hat?

 

 

Kirchen, Ärzt:innen, Verbände – sie alle bringen Argumente vor. Doch manchmal glaube ich, dass dahinter ein tieferes Muster steckt: die Angst davor, dass wir wirklich frei wären. Frei, zu entscheiden, wann unser Leben erfüllt ist und wann nicht mehr.

 

 

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