Heute habe ich mir zum ersten Mal etwas genauer die neue AMS-Seite angesehen. Es ist ja bald soweit.
Was mich irritiert hat, war die Begrüßungsmail. Sinngemäß stand da: Man freue sich, mich auf der AMS-Seite begrüßen zu dürfen.
Ich weiß natürlich, dass das eine automatische Formulierung ist. Niemand im AMS sitzt dort und denkt sich: „Wie schön, die Frau Brezina ist jetzt bald bei uns.“ Trotzdem hat dieser Satz etwas in mir ausgelöst.
Denn ja, ich habe mich mit meinem Arbeitgeber einvernehmlich auf die Auflösung meines Dienstverhältnisses geeinigt. Nach über 21 Jahren. Aber dieser Schritt ist kein freundlicher Verwaltungsakt und auch kein leichter Neustart mit hübscher Begrüßungsmail. Dahinter liegt eine lange Geschichte.
Eine Geschichte mit viel Einsatz, viel Durchhalten, viel Verantwortung, vielen Umwegen — und am Ende auch mit Erschöpfung, Sorge und der Erkenntnis, dass es so für mich nicht mehr weitergeht.
Ich schreibe das nicht, um meinem Arbeitgeber die alleinige Schuld zuzuschieben. So einfach ist es nicht. Ich war nicht versklavt. Ich hätte jederzeit gehen können. Aber so bin ich nicht. Ich laufe nicht bei der ersten Herausforderung davon. Wenn mir etwas wichtig ist, bleibe ich. Ich arbeite mich hinein, ich halte aus, ich suche Lösungen. Und dieser Job war mir wichtig.
Vielleicht war genau das auch ein Teil des Problems.
Vor über 21 Jahren habe ich mich für diese Stelle entschieden. Nicht aus hundertprozentiger Überzeugung, aber sie klang spannend. Dafür habe ich ein anderes Angebot bei einem namhaften Unternehmen abgelehnt. Was mich dann erwartete, war allerdings deutlich mehr, als ich mir damals vorstellen konnte.
Meine Vorgängerin war zu meinem Arbeitsbeginn bereits nicht mehr beschäftigt. Also habe ich mich noch vor meinem offiziellen Dienstantritt in meiner Privatzeit abends mit ihr getroffen, damit sie mir wenigstens die wichtigsten Grundlagen erklären konnte. Es ging ja nicht nur um klassische Buchhaltung oder Bilanzierung. Es ging um Förderabrechnungen, Projektmanagement, interne Abläufe, Zuständigkeiten und viele Zusammenhänge, die man nicht einfach aus einem Handbuch lernt.
Ich erinnere mich noch gut an das Zimmer, das ich übernommen habe. Am Boden stapelten sich Ordner, weil meine Vorgängerin es nicht mehr geschafft hatte, die Unterlagen zurückzusortieren.
Ich erinnere mich auch daran, dass ich in den ersten sechs Monaten fast jeden Tag weinend nach Hause gegangen bin. Nicht, weil ich nicht arbeiten wollte. Sondern weil ich das Gefühl hatte, von der Unterschiedlichkeit und Fülle der Aufgaben erschlagen zu werden.
Arbeitstechnisch hatte ich keine echte Ansprechperson. Ich habe mit dem gearbeitet, was ich in Papierform gefunden habe, was online verfügbar war und was ich mir selbst erschließen konnte.
Aber ich habe mich durchgebissen. Ich habe Struktur in die Unterlagen gebracht — meine Struktur. Ich habe mich durch Bereichskonstellationen, Projekte, Abläufe und Förderlogiken gearbeitet, bis ich verstanden habe, was wie zusammenhängt.
Mit meiner damaligen Geschäftsführung hatte ich ein gutes Arbeitsverhältnis. Schon bald wurden nicht nur meine Fähigkeiten im Rechnungswesen, sondern auch meine arbeitsrechtlichen und personalverrechnungstechnischen Kenntnisse gesehen und genutzt.
Gleichzeitig war mir relativ früh klar, dass diese vielen Aufgaben auf Dauer nicht von einer Person allein zu stemmen sind. Ich habe daher um Unterstützung gebeten und bekam unter bestimmten Voraussetzungen eine Assistenz. Da ich bereits in meinem vorherigen Job Personal angeleitet hatte, war auch das für mich kein völliges Neuland.
Nach etwa drei Jahren kam es zu einem Wechsel in der Geschäftsführung. Solche Wechsel sind immer eine Herausforderung. Neue Führung kann neue Vorstellungen haben, andere Schwerpunkte setzen oder anderes Personal wollen. In meinem Fall war das nicht so. Auch mit der neuen Geschäftsführung habe ich mich gut verstanden.
Die Organisation wurde größer. Wir übersiedelten in neue Räumlichkeiten, und ich hatte endlich ein helleres, moderneres Büro. Eines, in dem ich den Bürostuhl tatsächlich durch die Bürotür brachte. Wer schon einmal in sehr beengten Büroräumen gearbeitet hat, weiß: Das ist kein Detail.
Natürlich blieb es nicht ruhig. Die erste Assistenz ging, ich arbeitete mit der zweiten weiter. Nach dem Umzug bekam diese allerdings einen ziemlichen Höhenflug und verließ uns recht rasch, nachdem die gewünschte sehr deutliche Gehaltserhöhung nicht kam. Danach kam Assistenz Nummer drei: eine zähe, loyale, pflichtbewusste Person, mit der ich fast zehn Jahre zusammenarbeiten durfte.
Parallel dazu wuchs die Organisation weiter. Es wurden mehr Projekte, mehr Personal, mehr Anforderungen. Finanzen und Projektmanagement waren in dieser Form mit meinem Team irgendwann nicht mehr leistbar. Wir hatten zwar zwischenzeitlich noch Kolleginnen eingestellt und immer wieder Unterstützung durch Zivildiener, aber die Aufgabenfülle wurde zu groß. Also wurde das Projektmanagement in weiten Teilen einem eigenen Bereich zugeordnet.
Es war immer viel zu tun. Sehr viel sogar. Aber in dieser Phase hatte ich durch den Führungsstil der Geschäftsführung trotzdem das Gefühl, dass wir gemeinsam arbeiten. Dass alle viel leisten. Dass alle an einem Strang ziehen. Diese Geschäftsführung hat es geschafft, Teams anzunähern, unterschiedliche Arbeitsstile zusammenzuführen und ein echtes Wir-Gefühl zu erzeugen.
Viel Arbeit ist anders auszuhalten, wenn man sich eingebunden fühlt.
Nach 8,5 Jahren orientierte sich auch diese Geschäftsführung neu. Und dann kam Geschäftsführung Nummer drei.
Wenn ich seinen Führungsstil beschreiben müsste, wäre „Laissez-faire“ wahrscheinlich noch die freundlichste Kurzfassung. Ich halte mich grundsätzlich für anpassungsfähig. Aber in über neun Jahren habe ich es nicht geschafft, einen echten Draht zu ihm zu finden.
Es war, als würden wir auf unterschiedlichen Frequenzen senden.
Bereiche, in denen ich früher frei handeln durfte, wurden eingeschränkt. Entscheidungen wurden mir entzogen — die dahinterliegenden Arbeiten aber nicht. Der Gestaltungsspielraum wurde kleiner, die Zuständigkeiten im praktischen Sinn blieben groß.
Die Teams drifteten wieder auseinander. Die Projektlage wurde schwieriger. Und dann kam Covid.
Für mich war Covid arbeitstechnisch der Supergau. Während ein großer Teil der Belegschaft in Kurzarbeit war, habe ich diese Kurzarbeit erst möglich gemacht und für die korrekte Abrechnung vorbereitet. Ich bin nicht Wonder Woman. Auch ich musste mir die einzelnen Etappen der Kurzarbeit mühsam erarbeiten — natürlich neben den laufenden Tätigkeiten.
Zusätzlich war ich für die Corona-Überbrückungsfonds zuständig, was quartalsweise Zwischenbilanzen bedeutete. Ebenfalls nebenbei.
Während also im Land viele Menschen in Kurzarbeit waren, saß ich oft von 7:30 Uhr morgens bis 20:00 Uhr abends im Homeoffice vor dem Rechner. Ich habe Überstunden geschoben, bis ich abends wegen meiner geschwollenen Beine kaum noch konnte. Das wäre vielleicht im Nachhinein noch irgendwie einzuordnen gewesen, wenn es wenigstens gesehen worden wäre.
Aber teilweise wurde es mir sogar noch vorgeworfen.
Auch das hat Spuren hinterlassen.
Ich habe mich um neue Büroräume gekümmert, um Abläufe, um Personalfragen, um vieles, was im Hintergrund funktionieren musste. Für die Geschäftsführung wirkte vieles davon offenbar selbstverständlich. Ich hatte über Jahre den Eindruck, dass er mich einfach nicht versteht. Teilweise ging das so weit, dass ich Themen zuerst meinem Kollegen erklärte, damit dieser sie dann nochmals an die Geschäftsführung herantrug.
Nicht, weil ich es fachlich nicht konnte. Sondern weil es über diesen Umweg offenbar eher ankam.
Von der Überforderung durch Personalmangel möchte ich fast gar nicht sprechen, obwohl sie natürlich Teil der Geschichte ist. Nach der Kurzarbeit und nach der Geringschätzung durch die Geschäftsführung hielt es die nächste Kollegin nicht mehr aus und ging.
Und dann kamen über die Jahre immer wieder neue Mitarbeiterinnen, die ich eingeschult habe. Ich habe Wissen weitergegeben, eingearbeitet, erklärt, begleitet — und immer wieder erlebt, dass Personen nach ausführlicher Schulung die Organisation wieder verlassen haben.
Dazu kam mein persönlicher Schicksalsschlag. Auch danach bin ich binnen weniger Wochen wieder zurückgekommen. Ich habe weitergearbeitet, weitergetragen, weitergeschult. Irgendwie ging es immer weiter.
Und genau das ist vielleicht auch der Punkt: Es ging immer irgendwie weiter, weil im Hintergrund jemand (oft ich) die heruntergefallenen Teile aufgehoben und wieder an ihren Platz gebracht hat.
Vor rund einem Jahr habe ich endlich die Teamleitung abgegeben. Meine Nachfolgerin übernahm Schritt für Schritt, aber nach 2,5 Jahren war es noch immer nicht so, dass sie alle meine Tätigkeiten vollständig übernommen hatte. Das lag nicht nur an ihr. Die Aufgaben waren komplex, gewachsen, verzahnt und in dieser Form schwer übergebbar.
Schließlich hat auch sie aufgegeben. Vermutlich war es zu viel. Und die Unsicherheit in unserer Branche kam noch dazu.
Nun stehe ich in einer ohnehin schwierigen Situation mit aktuell nur interimistischer Führung da und habe entschieden: Ich kann nicht mehr.
Ich habe angeboten, meine Alturlaube noch zu verbrauchen und in einigen Monaten auszuscheiden. Diese Entscheidung ist nicht leicht gefallen. Ich habe lange mit mir gerungen.
Ein wenig geht doch noch.
Du schaffst das noch.
Noch ein Jahr durchhalten.
So redet man sich selbst lange genug zu.
Aber irgendwann reicht dieses „noch ein wenig“ nicht mehr.
Ja, mein Arbeitgeber stellt sich nun komplett neu auf. Vielleicht entsteht daraus etwas Gutes. Vielleicht verändert sich wirklich etwas. Aber ich habe Sorge. Sorge, dass wieder eine Führung kommt, die Wahrnehmung und Wertschätzung von Mitarbeiterinnen zwar vielleicht behauptet, aber nicht lebt.
Und damit komme ich nicht mehr klar.
Nach neun Jahren, in denen ich mich zunehmend wie ein Gebrauchsgegenstand gefühlt habe — hervorgeholt, wenn man mich braucht, und wieder in die hintere Ecke gestellt, wenn gerade kein Bedarf besteht — ist diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen.
Was ich mit Wahrnehmung und Wertschätzung meine, lässt sich an einer kleinen Anekdote besser erklären als an großen Begriffen.
Mein junger Kollege erzählte mir erstaunt, dass er die interimistische Führung erst vergangene Woche zum ersten Mal getroffen habe. Es war ein freundlicher Austausch. Dabei erwähnte er unter anderem, dass er diese Woche eine Uni-Prüfung habe und deshalb bestimmte Aufgaben erst am nächsten Morgen erledigen könne.
Diese Woche rief die interimistische Führung an, erkundigte sich nach den Aufgaben — und fragte auch, wie seine Prüfung gelaufen sei.
Mein Kollege war vollkommen überrascht. Bei der letzten Geschäftsführung hatte es einen solchen Austausch nie gegeben.
Und genau das meine ich.
Es geht nicht um große Gesten. Es geht darum, ob jemand überhaupt wahrnimmt, dass da ein Mensch sitzt. Ob jemand sich etwas merkt. Ob jemand nachfragt. Ob jemand nicht nur die Aufgabe sieht, sondern auch die Person dahinter.
Wer glaubt, man stehe über so etwas, soll das einmal über Jahre erleben.
Auch ein anderes Beispiel steht für vieles. Der ausgeschiedene Geschäftsführer und die interimistische Geschäftsführung hatten in meinem Beisein und im Beisein weiterer Kolleginnen einen Informationsaustausch zu einem bestimmten Thema. Ich habe dazu Wesentliches erläutert. Wie so oft fühlte sich mein alter Geschäftsführer offenbar auf den Schlips getreten. Er war der Einzige am Tisch, der nicht verstand, was ich sagen wollte. Die interimistische Geschäftsführung und die anderen Anwesenden wussten sehr wohl, worum es mir ging.
So ging es über Jahre.
Immer wieder erklären. Immer wieder falsch verstanden werden. Immer wieder erleben, dass fachliche Hinweise nicht als Beitrag, sondern als Störung ankommen. Und gleichzeitig lief im Hintergrund alles weiter, weil irgendwer (oft ich) die offenen Enden zusammenführte.
Vielleicht ist das am Ende der Kern meiner Geschichte:
Ich gehe nicht, weil mir die Arbeit egal war.
Ich gehe, weil sie mir zu lange zu wichtig war.
Ich gehe nicht, weil ich keine Herausforderungen mag.
Ich gehe, weil ich zu lange Herausforderungen getragen habe, die nicht ausreichend geführt, geteilt und gesehen wurden.
Und jetzt sitze ich vor dieser AMS-Seite, lese eine freundliche automatische Begrüßung und merke, wie viel Geschichte hinter diesem nächsten Schritt liegt.
Es ist nicht einfach nur ein Ende. Es ist auch das späte Eingeständnis, dass Durchhalten irgendwann nicht mehr Stärke ist, sondern Selbstgefährdung.
Und dass ich nach über 21 Jahren nicht mehr darauf warten kann, ob mich eine neue Struktur vielleicht doch noch so sieht, wie ich über viele Jahre gearbeitet habe: als Mensch, nicht nur als Funktion.

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