Viel Arbeit. Wenig Wirkung.

Mitarbeiterinnen können viel arbeiten, laufend Probleme lösen und für eine Organisation ausgesprochen wichtig sein – und trotzdem über lange Zeit immer weniger von dem einbringen, was sie tatsächlich können.

Denn hohe Auslastung sagt noch nichts darüber aus,

ob vorhandene Kompetenzen genutzt werden,

ob sich Aufgaben und Rollen weiterentwickeln,

und ob fachliche Beiträge gehört und ernsthaft geprüft werden.

Nicht jede vorübergehend unbefriedigende Arbeitssituation hat weitreichende Folgen. Doch wenn mehrere dieser Erfahrungen über lange Zeit zusammenkommen, kann sich etwas verändern – zunächst kaum merklich, später möglicherweise weit über den Arbeitsplatz hinaus.

 

Wenn Kompetenzen kaum genutzt werden

 

Keine Tätigkeit fordert jederzeit sämtliche Kenntnisse und Fähigkeiten. Routinetätigkeiten gehören ebenso zur Arbeit wie Phasen, in denen vor allem das operative Geschäft bewältigt werden muss.

Problematisch kann es werden, wenn Mitarbeiterinnen dauerhaft nur einen kleinen Teil ihrer Kompetenzen einsetzen können, obwohl ihr Wissen und ihre Erfahrung längst weiter reichen.

Dabei sind sie häufig keineswegs unterbeschäftigt.

Im Gegenteil: Sie lösen laufend Probleme, fangen Versäumnisse auf, beantworten dringende Fragen und sorgen dafür, dass Abläufe funktionieren. Gerade ihre Verlässlichkeit kann dazu führen, dass immer wieder jene Aufgaben bei ihnen landen, die rasch und sicher erledigt werden müssen.

So können Mitarbeiterinnen vollständig ausgelastet sein und gleichzeitig beruflich unter ihren Möglichkeiten bleiben.

 

Viel Arbeit bedeutet nicht automatisch, die eigenen Fähigkeiten sinnvoll einsetzen zu können.

 

Wenn Entwicklung ausbleibt

 

Berufliche Entwicklung bedeutet nicht nur Beförderung, Weiterbildung oder einen neuen Titel.

Auch innerhalb einer bestehenden Funktion kann sich Arbeit entwickeln: durch anspruchsvollere Aufgaben, neue Fragestellungen, mehr fachliche Tiefe, zusätzliche Entscheidungsspielräume oder die Möglichkeit, Abläufe mitzugestalten.

Bleibt diese Entwicklung über lange Zeit aus, entsteht Stillstand.

Die Dienstjahre werden mehr. Das Wissen über die Organisation wächst. Mitarbeiterinnen kennen sämtliche Abläufe, Besonderheiten und Schwachstellen.

Ihre eigentliche Rolle verändert sich jedoch kaum.

Was zunächst wie Stabilität wirkt, kann sich schrittweise als Begrenzung erweisen. Denn Erfahrung wächst nicht allein mit der Zahl der Jahre. Sie braucht auch Aufgaben, an denen Wissen eingesetzt, überprüft und erweitert werden kann.

 

Wenn fachliche Beiträge wenig Resonanz finden

 

Nicht jeder Vorschlag kann umgesetzt werden. Nicht jede Einschätzung ist richtig. Und Mitarbeiterinnen können nicht erwarten, in jede Entscheidung einbezogen zu werden.

Etwas anderes ist es, wenn fachliche Beiträge wiederholt ohne erkennbare Auseinandersetzung bleiben.

Hinweise werden nicht aufgegriffen und auch nicht nachvollziehbar verworfen. Vorschläge bleiben ohne Rückmeldung. Einschätzungen werden zwar angehört, scheinen aber keinen Eingang in weitere Überlegungen zu finden.

Das kann die Art verändern, wie Mitarbeiterinnen sich einbringen.

Vorschläge werden vorsichtiger formuliert. Hinweise werden mehrfach geprüft. Irgendwann wird vielleicht nur noch das angesprochen, was unbedingt notwendig ist.

Nicht, weil das Wissen verschwunden wäre.

Sondern weil die Erwartung sinken kann, damit tatsächlich etwas zu bewirken.

 

Wenn alles gleichzeitig geschieht

 

Besonders schwierig wird es, wenn diese Erfahrungen über lange Zeit zusammenkommen:

Die eigenen Kompetenzen werden nur teilweise genutzt.

Die Tätigkeit entwickelt sich kaum weiter.

Fachliche Beiträge finden wenig Resonanz.

Die operative Arbeitsbelastung bleibt trotzdem hoch.

Die Mitarbeiterinnen sind beschäftigt. Sie erfüllen ihre Aufgaben. Sie werden gebraucht und möglicherweise ausdrücklich für ihre Verlässlichkeit geschätzt.

Und genau deshalb ist die Situation so schwer zu erkennen.

 

Wer ständig gebraucht wird, kommt nicht zwangsläufig auf die Idee, beruflich übersehen zu werden.

 

Es gibt schließlich ausreichend Arbeit. Es gibt laufend Fragen. Vielleicht wird sogar regelmäßig betont, wie wichtig die eigene Leistung für den Betrieb ist.

Doch gebraucht zu werden bedeutet nicht automatisch, mit den eigenen Fähigkeiten auch wahrgenommen zu werden.

 

Warum das lange unbemerkt bleiben kann

 

Solche Entwicklungen beginnen selten mit einem klar erkennbaren Ereignis.

Eine fachliche Einschätzung wird nicht aufgegriffen.

Eine anspruchsvollere Aufgabe wird jemand anderem übertragen.

Für eine Weiterentwicklung fehlt gerade die Zeit.

Das Tagesgeschäft hat wieder Vorrang.

Für jede einzelne Situation kann es eine nachvollziehbare Erklärung geben. Vielleicht befindet sich die Organisation tatsächlich in einer schwierigen Phase. Vielleicht muss ein personeller Engpass überbrückt oder ein wichtiges Projekt abgeschlossen werden.

Problematisch wird es, wenn aus dem Vorübergehenden ein Dauerzustand entsteht.

Gleichzeitig suchen Mitarbeiterinnen die Ursache möglicherweise zunächst bei sich:

Habe ich meine Einschätzung nicht klar genug vertreten?

Fehlt mir doch noch eine bestimmte Qualifikation?

Muss ich mich stärker einbringen?

Oder muss ich einfach noch etwas Geduld haben?

So kann viel Zeit vergehen, bevor aus einem schwer greifbaren Unbehagen eine klare Erkenntnis wird.

 

Wenn die Wirkung nicht im Beruf bleibt

 

Menschen sind nicht während der Arbeitszeit eine andere Person als nach Dienstschluss.

Wer über lange Zeit erlebt, dass die eigenen Kenntnisse kaum gefragt sind, fachliche Beiträge wenig Wirkung haben und Entwicklung ausbleibt, kann irgendwann beginnen, nicht nur die berufliche Situation, sondern auch das eigene Können infrage zu stellen.

 

Dabei kann eine entscheidende Unterscheidung unscharf werden:

 

Kann ich in diesem Umfeld wenig bewirken?

 

Oder:

 

Kann ich tatsächlich weniger, als ich dachte?

 

Das eine sagt etwas über die konkrete Arbeitssituation aus.

 

Das andere verändert den Blick auf die eigene Person.

 

Und genau dieser Blick bleibt nicht automatisch im Büro zurück.

Das Zutrauen in das eigene Urteilsvermögen kann schwächer werden. Entscheidungen werden vorsichtiger getroffen. Neue Vorhaben erscheinen schwieriger. Dinge, die früher selbstverständlich ausprobiert worden wären, werden länger abgewogen oder gar nicht erst begonnen.

Nicht bei allen Mitarbeiterinnen und nicht zwangsläufig.

Aber Menschen lassen ihr beruflich geprägtes Selbstbild nicht jeden Abend am Arbeitsplatz zurück.

 

Wenn berufliche Veränderungen aufgeschoben werden

 

Besonders weit kann die Wirkung reichen, wenn Mitarbeiterinnen eine berufliche Veränderung zwar längst erwägen, sie aber immer wieder aufschieben.

Nicht unbedingt, weil die derzeitige Situation noch passt.

Sondern weil sie sich nicht mehr sicher sind, ob sie in einem anderen Umfeld tatsächlich bestehen könnten.

Ein beruflicher Wechsel verlangt schließlich mehr als eine passende Stellenausschreibung. Mitarbeiterinnen müssen sich zutrauen, ihre Erfahrungen überzeugend darzustellen, neue Aufgaben zu übernehmen, sich in unbekannte Abläufe einzuarbeiten und mit der Unsicherheit eines Übergangs umzugehen.

Ist dieses berufliche Zutrauen schwächer geworden, kann eine Veränderung zunehmend größer und riskanter erscheinen.

Die eigenen Fähigkeiten sind weiterhin vorhanden.

Aber der klare Blick darauf kann verloren gehen.

 

Früher hinschauen

 

Nicht jede Phase mit viel operativer Arbeit ist problematisch. Nicht jede fehlende Rückmeldung bedeutet, grundsätzlich nicht gehört zu werden. Und nicht jede ausbleibende Entwicklung verlangt sofort nach einem Wechsel.

 

Entscheidend ist das Muster über längere Zeit.

 

Kann ich meine Kenntnisse noch sinnvoll einsetzen?

 

Entwickelt sich meine Tätigkeit weiter?

 

Erlebe ich, dass meine fachlichen Beiträge ernsthaft geprüft werden?

 

Und traue ich mir heute beruflich noch dasselbe zu wie vor einigen Jahren?

 

Wenn mehrere dieser Fragen über längere Zeit mit Nein beantwortet werden, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

 

Nicht erst dann, wenn eine Veränderung kaum noch vorstellbar erscheint.

 

Denn Fähigkeiten verschwinden nicht, nur weil sie lange wenig genutzt werden.

 

Aber das Vertrauen, sie wirksam einsetzen zu können, kann schwächer werden.

 

Und manchmal wird erst unter veränderten Bedingungen sichtbar, was die ganze Zeit vorhanden war.

 

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